
Lieber Pfarrer Rosh, Liebe Gläubige
Ich bin eingeladen, hier zum Thema „Glauben im herrschenden Zeitgeist“ einige Gedanken vorzutragen - Ich möchte in der gebotenen Kürze auf 3 Punkte eingehen –Was meint eigentlich Glauben?- dann: Welche doch gravierenden Veränderungen des religiösen Lebens sind unübersehbar…- schließlich: Was half mir meinen Glauben zu behalten?
Zunächst: Jeder Mensch ist im weitesten Sinne gläubig…Ich bringe hier die moderne Hirnforschung ins Spiel, die inzwischen nachweisen kann, dass Spiritualität tief in der menschlichen Natur verwurzelt ist – als eine Anlage zur Fähigkeit ein Urvertrauen zu empfinden, eine Verbundenheit mit etwas Höheren, das uns über Erschwernisse hinweghilft und uns achtsam auch für andere werden lässt. Diese Anlage ist bei verschiedenen Menschen – vergleichbar mit Musikalität - unterschiedlich ausgeprägt und bedeutet noch keine Religiosität im engeren Sinne. Dieses zarte Pflänzchen wird in der Folge– je nach Umfeld und Erfahrungen - gedeihen oder vertrocknen, sich vielleicht später aus eigener Kraft oder nach einschneidenden Erlebnissen wieder aufrichten… Menschen können dann letztlich an sich selbst glauben oder unterschiedlichen Weltanschauungen anhängen …oder sie bezeichnen sich als gläubig ohne konfessionelle Bindung – oder aber finden zu einem, in einer Religion verankerten, Gottesglauben…
Ich stehe immer noch unter dem Eindruck des Gottesdienstes letzten Sonntag - mit Vorstellung unserer Erstkommunikanten, begleitet von Paten, Familien und Freunden…für mich berührend. Das hat bei mir viele Gedanken ausgelöst…an die eigene Erstkommunion, habe mich auch gefragt, wie ernst ich mich um mein eigenes Götte Kind kümmerte…vor allem aber auch, welchen Weg wohl die Kinder nehmen werden, deren Glaubenspflänzchen mit dem Erneuern des Taufbekenntnisses da „getränkt“ wurde...Passend dazu die Verabschiedungsworte von Pfarrer Rosh, mit der Hoffnung und Einladung an die Kinder, sie als praktizierende Christen wieder zu sehen….
So komme ich zum 2., den unübersehbaren Veränderungen des gesellschaftlichen, auch religiösen Lebens in den letzten Jahrzehnten. Hat sich doch der Lebensstil vieler, auch Dank gewachsenen Wohlstands, teils radikal geändert. Sich als Christ zu verstehen oder es auch zu praktizieren, ist aus der Mode gekommen - wird jeder auch in seinem engeren Umfeld erlebt haben. Was nun wichtig festzustellen ist: Viele Menschen, die uns nahe sind, die wir schätzen und teils ob ihres Einsatzes für eine bessere und gerechtere Welt sogar bewundern, deklarieren sich nicht mehr als religiös, zumindest nicht als einer Kirche zugehörig. Gründe für diese Abkehr und auch an christlichen Religionen zu zweifeln, gibt es viele: nicht nur lang Vergangenes wie die blutigen Kolonialisierungen, Kreuzzüge, Inquisition, auch die Missbrauchsfälle in der Gegenwart wiegen schwer. Bleibt letztlich: immer, wenn sich Religion mit Machtstreben verbündet oder selbst Andersdenkende ausgegrenzt oder verfolgt hat, hat sie ihre wahre Sendung tatsächlich verraten.
Ja, der Zeitgeist weht aus anderer Richtung, dies als Ausläufer der Aufklärung, die den Menschen aufforderte, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, sich nicht mehr von Staat oder Kirche gängeln zu lassen, nun selbstbestimmt zu leben. Dieses neue kritische Denken, das Hinterfragen aller Autoritäten hat nun keineswegs nur kirchliche, sondern viele Institutionen betroffen. Auch Traditionen, die vor allem bei markanten Ereignissen wie Geburt, Hochzeit oder ums Sterben Halt gaben, werden mehr und mehr durch individuell gestaltete Inszenierungen ersetzt... Fraglos hat dieser gesellschaftliche Umsturz viel Positives gebracht: Alle Menschen sollten die gleichen Rechte haben, Wissenschaft und Vernunft die Gesellschaft weiterbringen, Erziehung und Bildung zu persönlicher Freiheit und Selbstverantwortung führen. Zwischenzeitlich wurde jedoch offensichtlich, dass die radikale Abkehr von Autoritäten zwar befreiend erlebt wird, das Aufgeben haltgebender Traditionen jedoch viele Menschen überfordert, sie im forcierten Individualismus vereinsamen oder in Sinnkrisen verfallen - wie VIKTOR FRANKL schon in den 60er Jahren voraussah. Er sagte auch voraus, dass das Fehlen eines Lebenssinns. eine innere Leere dann häufig mit ungebremstem Konsum betäubt werden. Konsumismus – die neue Ersatzreligion. Zu sehen an überrannten Konsumtempeln, befeuert durch neue Idole vieler, nicht nur junger Menschen, Influencer mit Millionen Likes, die Tipps zur Lebensgestaltung, Ernährung, Kleidung, Schminken, Urlauben oder Anbaggern geben… WAS ODER WER GIBT HEUTE ORIENTIERUNG? stellt sich die ernste Frage!
Zu meiner eigenen Glaubenserfahrung: Was einer/eine glaubt, was Orientierung und Halt im Leben gibt, ist ja etwas höchst Persönliches und alle hier hätten das Ihrige zu berichten…Ich würde für mich Folgendes sagen: Die Glaubensfrage, klingt vielleicht komisch, hat mich schon von Kindheit an beschäftigt…Ich wurde im hinteren Bregenzerwald in ein Umfeld geboren, das sehr katholisch geprägt war. Mein Elternhaus gleich neben Kirche, in der Volksschule tägliche Morgenmessen und eine Kreuzschwester als, übrigens hervorragende, Lehrerin, gleich nach der Erstkommunion Ministrantendienst, alles noch vorkonziliar lateinisch, den Zungenbrecher SUSCIPIAT DOMINUS kann ich noch heute…Erste Glaubenszweifel, nein: Zweifel an enger, für mich ungerechter Sichtweise, etwa Ungetauften gegenüber: Da stand auf dem Pult im Klassenzimmer ein Opferstock mit einem kleinen schwarzen Kind, das nickte, wenn man für die Mission einen Schilling hineinwarf…und dazu meine Schwierigkeit in der Religionsstunde, wo es hieß – nur Getaufte kämen in den Himmel. Ungerecht, fand ich – was können all die vielen schwarzen und anderen Kinder dafür, dass sie nie einen Missionar getroffen haben? So war bei mir ein Zweifel gesät, gegenüber allen zu engen oder unbarmherzigen Auslegungen der katholischen Lehre. In meinem weiteren Leben hatte ich Glück, vor allem im Internat, auf Lehrer und Vorbilder zu treffen, denen es auch um die Grundessenz unseres Glaubens ging, was bedeutet, den liebenden Gott vor den strafenden zu stellen und Kritik an dem menschengemacht Unvollkommenen in der kirchlichen Praxis zuzulassen. Dass letztlich nur der gelebte Glaube, CARITAS zählt, es nicht nur um Gottesliebe, sondern – gleichrangig! – um Nächsten- und sogar Feindesliebe geht! Dem nachzukommen gelingt, jedenfalls mir, nur ein Stück weit. Ich will nicht auslassen, dass es auch in meinem Leben, im Studium oder während langer Auslandsaufenthalte, Jahre gab, in denen ich Kirchen nur selten von innen sah…Mit der wachsenden Familie und auch, weil bei unseren häufigen Ortswechseln uns das Andocken an lebendige Kirchengemeinden immer ein Heimatgefühl gab, wurde es wieder anders. So auch z´Luschtnou…
Letztlich blieb mir auf meiner Lebensreise mein ursprünglicher „Hinterwälderglaube“ erhalten: ein Gefühl des Angenommenseins über alle weltlichen Bezüge hinaus. Wofür ich dankbar bin. HERMANN HESSE hat das treffend formuliert: „Der Glaube geht nicht durch den Verstand – so wenig wie die Liebe.“