
Student in Wien
Grüß Gott Liebe Gemeinde,
Zum Anfang sollte ich vielleicht klarstellen, dass mein persönlicher Glaube natürlich nicht von “irgendwo” gekommen ist. Schon durch die Familie habe ich hier einen starken Zugang zum Glauben und zur Kirche. Eh klar, mit einem Religionslehrer als Vater. Doch ich möchte jetzt hier nicht von dem Glauben sprechen, der bei mir schon von Geburt an da war, sondern von dem, den ich selbst, unabhängig von Familie und Freunden entdeckt habe.
Viele Menschen erzählen oft von ihrem "Wow" -Moment, also einem besonderen Moment oder Zeitpunkt, an dem sie zum Glauben gekommen sind. Ich muss nun zugeben, bei mir war es leider nicht so spannend. Es war, und ist immer noch, ein langsamer Prozess, voll von Zweifel und Überlegungen, aber auch Zuversicht und Hoffnung. Es sind meistens die kleinen Dinge, die mich zum Glauben führen. Die Unscheinbaren, wie etwa einfach die Schönheit der Natur, aber auch alltägliche Dinge wie ein kurzes Gebet, das mich etwa vor einer Prüfung (etwa im Schul/Uni-Kontext) beruhigt und mir Zuversicht gibt, so klein es auch klingen mag.
Manchmal aber habe ich Zweifel. Oft frage ich mich nicht nur, ob es Gott überhaupt gibt, sondern auch, ob mein Glaube nicht einfach nur ein Produkt meines Umfeldes ist. Diese Zweifel sind, denke ich, einfach menschliche Natur. Es fällt uns schließlich immer schwer an etwas zu glauben, was wir nicht sehen oder fühlen können. Man muss ja schließlich nur die Geschichte des Jünger Thomas in der Bibel lesen, der nicht an die Auferstehung glaubte, bis Jesus ihm selbst erschienen ist. Einige mögen nun der Meinung sein, dass diese Zweifel im Gegensatz zum Glauben stehen oder sogar eine Sünde sind.
Doch nach meiner Erfahrung ist das Gegenteil der Fall. Es ist genau der Zweifel, der mich näher an den Glauben gebracht hat. Denn nach dem Hinterfragen des Glaubens zum Schluss zu kommen, dass man trotzdem an Gott glaubt, stärkt den Glauben und gibt ihm Leben. Selbst Jesus wurde auf die Probe gestellt, wie wir im heutigen Evangelium gehört haben, und blieb trotz aller Zweifel gläubig. Wird nicht erst dadurch unser Glaube lebendig? Hätte ich einfach den Glauben meiner Eltern übernommen, ohne ihn zu hinterfragen und an ihm zu zweifeln, wäre das wirklich mein eigener Glaube gewesen? Erst durch diese Auseinandersetzung habe ich meinen eigenen wirklichen Glauben entdeckt, denn hätte ich mir nie selbst Fragen gestellt, hätte ich auch ihre Antworten gesehen.
Glauben war für mich nie etwas, das ich einfach hatte, sondern es war etwas, um das ich ringen musste, und es immer noch muss. Es ist kein einfach abgeschlossener Prozess, es ist eine andauernde Entwicklung und auch Entfaltung.
Selbst unser verstorbener Papst Franziskus meinte in einer Generalaudienz, dass alle Menschen, er selbst eingeschlossen, Zweifel haben, aber eben diese Zweifel genutzt werden können, um sich mit seinem eigenen Glauben zu beschäftigen und ihn zu vertiefen. In einem Interview mit einer Deutschen Zeitung meinte er ebenfalls: „Ein Glaube, der nicht in die Krise gerät, um an ihr zu wachsen, bleibt infantil“.
In der gesamten Geschichte der Menschheit waren es so oft Krisen, mit denen wir gewachsen sind, mit denen wir neue Dinge entdeckt und uns weiterentwickelt haben. Beim Glauben ist es, so denke ich zumindest, nicht anders.
Jetzt fragen sich viele vielleicht “Wie löse ich solche Krisen und überwinde meine Zweifel?” und ich wünschte ich könnte eine universelle Antwort geben, aber das kann ich leider nicht, denn jede Person hat andere Zugänge zum Glauben, andere Zweifel, und vor allem andere Lösungen. Bei mir selbst war es oft, neben den am
Anfang genannten Dinge, die Nächstenliebe, die ich erfahren und gesehen habe, welche mir geholfen hat, meine eigenen Zweifel zu überwinden. Zu sehen, wie Gottes Liebe auch von meinen Mitmenschen gelebt wird, und wie der Glaube Menschen die Stärke gibt, zu helfen und zu versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Um hier noch ein Beispiel zu nennen, will ich kurz von den Mutter Teresa Schwestern in Wien erzählen. In meinen ersten Monaten in Wien als Student wollte ich irgendwo selbst aktiv werden, selbst irgendwo helfen, und so durfte ich an einem Samstag beim Kochen für Obdachlose bei den Mutter Teresa Schwestern mithelfen, wobei ich zugebe, dass meine Hilfe hauptsächlich aus Kartoffelschälen bestand. Was mich am meisten an den Schwestern beeindruckte, war ihr Glauben an die Nächstenliebe. Sie fragten nie: "Was springt dabei für mich raus.”, “Hilft das überhaupt irgendwem.” oder “Verdienen die überhaupt eine kostenlose Mahlzeit”. Nein, sie haben einfach gekocht, geschöpft und allen geholfen, die es gebraucht haben, ohne zu zögern, obwohl sie selbst nur einfache Kleidung und Wohnumstände hatten. Es waren aber nicht nur die Schwestern, die mich beeindruckt haben, sondern alle, die dort geholfen haben. Egal ob es die anderen Kartoffelschäler waren, Seniorinnen, die beim Kochen mit ihrer reichlichen Erfahrung mitgeholfen haben, oder die Bauern, die die ganzen Zutaten kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Alle haben einen wichtigen Teil mitgetragen. Für mich war dieses einfache Kartoffelschälen ein Ort, an dem ich Gottes Liebe so stark fühlen konnte, dass alle Zweifel einfach unwichtig wurden, da der Glaube selbst schon so viel bewirken kann.
Zum Schluss möchte ich nur mitgeben, dass wir genauso wie Jesus im heutigen Evangelium immer wieder auf die Probe gestellt werden, beziehungsweise wir unseren Glauben selbst auf die Probe stellen. Was zählt ist aber nicht, diese Proben zu vermeiden, sondern uns mit Ihnen auseinanderzusetzen, und genau wie Jesus, sie am Schluss zu überwinden. Vielen Dank!
Student in Wien